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Interview mit Sukumar Shetty

von Marjolein Wolf
ins Deutsche übertragen: Agathe Bretschneider
Sukumar Shetty aus Südindien hat als leitender Yogatherapeut und spiritueller Lehrer viele Jahre am Vivekananda-Kendra-Institut in Bangalore unterrichtet. Heute leitet er in Südindien ein eigenes Seminarhaus. Er gibt zahlreiche Seminare in Europa.

Marjolein Wolf ist niederländische Journalistin und führte das Interview mit Sukumar Shetty im August 2002 in Holland.

Der Umgang mit Emotionen

Das Entwickeln der Kunst des Nicht-Reagierens

Warten ist Reinigung

Advaita Vedanta ist die östliche Philosophie der Nicht-Zweiheit. So interessant dieses spirituelle Wissen auf der intellektuellen Ebene auch ist, dieses Wissen in unser tägliches Leben zu integrieren ist nicht immer einfach. Kein Wunder, sagt der Vedanta-Lehrer Sukumar Shetty. Verstehen allein genügt nicht um die Spiritualität zu einem Teil unseres Lebens zu machen. Als Menschen müssen wir alle mit unserem samskara, einer Menge unerfüllter Wünsche und Sehnsüchte, ungelöster Zweifel und Ängste, umgehen. Diese halten uns davon ab, einfach in uns selbst zufrieden zu sein.

In diesem Interview erklärt Sukumar Shetty, wie wir unser samskara neutralisieren können. Dabei erläutert er seine Sichtweise anhand eigener persönlicher Erfahrungen.

Was ist der Kern Deiner Lehre?

Sukumar: "Normalerweise geben wir der äußeren Welt große Bedeutung. Probleme und Situationen, die in unserem Leben auftauchen, sind für uns sehr wichtig. Tatsächlich sind wir unentwegt am Rennen, um unsere Ziele und Wünsche zu erfüllen. Gemäß Advaita Vedanta geschieht dies nur aus einem einzigen Grund: wir wollen einen Zustand des Wohlbefindens in uns erlangen. Alles Handeln im Leben dient einzig und allein der inneren Erfüllung. In uns gibt es einen Zustand, in dem wir frei sind von jeglichem Gefühl der Dualität, von Konflikt und Streit. Dies ist eigentlich unser natürlicher Zustand und wir können ihn erfahren, wann immer wir wollen. Der erste Schritt in die Spiritualität ist zu verstehen, dass wir genau nach diesem Zustand suchen. Der zweite Schritte besteht darin zu erkennen, dass wir die meiste Zeit in der falschen Richtung suchen. Obwohl wir nach innerem Wohlbefinden suchen, driftet unsere Aufmerksamkeit immer mehr in die äußere Welt ab. Wir treiben das Leben mit immer größerer Kraft an. Dabei dehnen wir das Feld unserer Fertigkeiten aus und machen das Leben immer komplizierter. Je mehr wir rennen, desto gestresster und erschöpfter werden wir. Und das innere Wohlbefinden scheint sich dabei immer weiter von uns zu entfernen. Der Kern der Vedanta-Lehre heißt: "Hör auf zu rennen!"

Obwohl ich verstehe, dass alles der inneren Erfüllung dient, geht das Leben mit all seinen Zwängen und den attraktiven Seiten der äußeren Welt weiter. Warum suchen wir weiterhin in der falschen Richtung?

Sukumar: ;Das Verstehen allein genügt nicht. In uns wirkt eine unwillkürliche Kraft, die man samskara nennen kann. Sie wird auch als Schicksal bezeichnet, aber samskara ist nicht etwas oben im Himmel, in den Planeten oder Sternen. Es ist eine Ansammlung unerfüllter Wünsche und Sehnsüchte, ungelöster Ängste und Zweifel. Wir alle haben dieses Programm in uns mit Wünschen, Zielen und Sehnsüchten geladen. Es ist eine unbestimmte Kraft in uns, die in der Form von Emotionen, Zwängen, Unruhe, Stress und ungewollter innerer Geschwindigkeit hochkommt. Diese Kraft stößt uns von unserem natürlichen Zustand weg. Und je mehr wir uns davon entfernen, um so schlechter fühlen wir uns. Stelle Dir eine einfache Frage: Was brauchst Du tatsächlich in diesem Moment? Obwohl wir sehr oft gehört, gelesen und darüber nachgedacht haben, dass wir alles, wirklich alles, nur machen, weil wir zu unserem natürlichen Zustand zurück gelangen wollen, in dem wir uns mit uns selbst gut fühlen, hängen wir immer noch an bestimmten Vorstellungen fest. Das kann eine Meinung sein wie: bevor ich mich wohl fühlen kann, möchte ich, dass es den Menschen um mich herum gut geht. Oder: Ich brauche erst finanzielle Sicherheit, bevor ich mich gut und friedlich fühle. Alle diese Gedanken tauchen als Widerstand auf, der uns von einer inneren Entspanntheit abhält. Er hindert uns daran, in diesem natürlichen Zustand des Wohlbefindens in uns selbst verweilen."

Gibt es irgend eine Möglichkeit, dieses Programm zu verändern?

Sukumar: "Ja, das ist möglich. Dein samskara zu neutralisieren, das heißt, deine Emotionen, Wünsche und Sehnsüchte zu besiegen. Die Schriften des Vedanta vertreten in diesem Punkt eine andere Meinung als die westliche Psychologie. Man muss hier nicht tief in sein Unbewusstes hinab tauchen, und die eigenen Konditionierungen betrachten. Lass dies sein, denn es ist endlos. In der Tat ist nur eines zu tun: Mit Achtsamkeit zu warten. Die Wurzel deines samskara wird automatisch an der Oberfläche deines bewussten Geistes auftauchen. Sie wird als Zwang zum Reagieren erscheinen.

Samskara zeigt sich immer in der Form einer zwanghaften Reaktion. Und indem du auf eine Situation reagierst, kommt eine Reaktion von der äußeren Welt zurück. Dies heftet sich an das in dir bestehende samskara an, das als Folge immer mehr Geschwindigkeit und Intensität bekommt. Auf diese Weise vergrößert deine Reaktion das samskara. Deshalb gibt es für uns nur eines zu tun: die Fähigkeit des Nicht-Reagierens zu entwickeln. Dies ist die eigentliche Praxis der Spiritualität. Mit ihrer Hilfe wird die Kraft des samskara neutralisiert und ausgelöscht. So funktioniert es tatsächlich. Immer wenn eine Tendenz zu reagieren aufkommt: Warte einfach. Warten ist Reinigung."

Irgendwie klingt dies zu einfach um wahr zu sein.

Sukumar: "Oh, aber sei vorsichtig. In dieser Übungspraxis gibt es ein Falle. Betrachten wir diese Kunst des Nicht-Reagierens einmal ganz klar. So lange wir unser Leben als schlecht und schmerzvoll erfahren, haben wir eine starke Motivation zu lernen, wie man nicht reagiert um so friedvoller zu werden. Wenn ich in Stress oder Angst bin, spüre ich die Notwendigkeit zu entspannen. Aber nach einer Weile der Entspannung und der Übung des Nichtreagierens fühle ich mich wieder o.k. Meine Probleme und Leiden sind verschwunden. Und was machen wir, wenn alles in Ordnung ist? Wir erlauben uns, wieder in Bewegung zu kommen und ermutigen so unsere eigene Tendenz, neue Ziele zu finden. Damit zieht uns die äußere Welt wieder an. Wir geben ihr erneut große Wichtigkeit, da sie angenehm und schön ist. Dies ist eine Gefahr. Sich gut zu fühlen ist deshalb auch eine Falle. Es zieht dich zu den attraktiven Dingen hin und in dem Moment, in dem du dich darauf einlässt, packt es dich und du siehst, dass du gefangen bist. Deshalb müssen wir sehr achtsam sein, damit wir die innere Ruhe nicht missbrauchen und damit das Wohlbefinden, das wir durch die Übung von Yoga und Spiritualität erfahren. Die Praxis muss fortgeführt werden um unsere eigenen zwanghaften Kräfte zu besiegen."

Wie kamst Du zu diesem Konzept des Nicht-Reagierens?

Sukumar: "Ich erzähle Ihnen meine eigene Geschichte. Es gab in meinem Leben eine Periode großer Angst und fürchterlicher Ruhelosigkeit. Mein Geist war die ganze Zeit über nicht klar und verzerrt. Ich wusste nicht was ich dagegen tun sollte. Mein größtes Problem war, dass ich mich ärgerte. Und wann immer Ärger aufkam, war ich der Meinung, dass ich einen echten Grund dazu hatte. Ich war so klug, dass ich der ganzen Welt beweisen konnte, warum ich mich ärgerte und so stimmte mir jeder zu. Und da mir alle zustimmten, wuchs mein Ärger noch, denn ich fühlte mich ja im Recht. So wurde mein Ärger immer größer, bis ich zu einem Punkt kam, wo ich mich so sehr über die Welt und all die Menschen ärgerte, die blödsinnige Dinge machten, dass ich nicht mehr wusste, wie ich noch weiterleben sollte. Ich dachte: es gibt zwei Lösungen. entweder nehme ich ein Gewehr um alle diese Menschen zu töten oder ich mache meinem Leben ein Ende. Da bekam ich Angst vor mir selbst. Irgendwie war mir auch klar, dass keine dieser beiden Alternativen eine wirkliche Lösung für mein Problem wären. Ich erkannte, dass ich Hilfe brauchte und suchte im Bereich der Spiritualität danach. Als erstes kam ich mit der Transzendentalen Meditation in Berührung. Ich dachte: Aha, all diese Probleme in unserem Leben, alle Emotionen sind ein Spiel des Geistes. Also muss der Geist besiegt werden. Das Glück des Lebens liegt in der Ruhe des Geistes. Die Ruhe des Geistes ist deshalb das letztendliche Ziel der Spiritualität."

Wie es ja viele spirituelle Lehrer sagen. War dies das Ende Deines persönlichen Kampfes?

Sukumar: "Nein. Ich war davon überzeugt, die Ruhe des Geistes könne durch die Meditation erlangt werden. So war ich immer weniger aktiv, saß die meiste Zeit in Meditation, der Geist wurde ruhig. Aber in dem Augenblick, in dem ich aufstand und nach draußen ging, machte es "bumm"! Alle alten Muster tauchten wieder auf. Selbst nach einer guten Weile stellte ich fest, dass sich meine Grundmuster nicht im Geringsten verändert hatten. Keine Verbesserung. In mir entstand ein riesiger Konflikt. Ich konnte das nicht verstehen, und obwohl ich so lange meditiert hatte, war der Geist immer noch nicht tot. Ich rannte in mein Zimmer zurück um zu meditieren. Nun begann ich mich vor meinem eigenen Geist zu fürchten. Der neue Konflikt in mir wurde immer größer. Wieder wusste ich nicht, was ich tun und wohin ich gehen sollte."

Wie hast Du dieses Stadium überwunden?

Sukumar: "Eines Tages fiel mein Blick auf einen Abschnitt in der Bhagavad Gita (*eine der berühmtesten Heiligen Schriften Indiens, Anmerkung der Übersetzerin), der mir mein Handeln verständlich machte. Er lautete: Niemand kann in der Ruhe des Geistes Erfüllung finden. Denn die Ruhe des Geistes ist genauso eine Illusion wie die Aktivität des Geistes. Das gesamte Feld des Geistes ist nichts anderes als ein relatives Feld des Kämpfens und Leidens. Dem kann man nicht ein Ende machten, indem man in die Stille geht.

Dies war neu für mich. Ich wurde immer neugieriger, mehr über dieses Wissen zu erfahren. Unterdessen hatte ich meinen Vedanta-Lehrer Shastri in Bangalore kennengelernt. Er erklärte mir, dass man das samskara nicht durch die Stille der Meditation allein neutralisieren kann. In diesem Prozess gibt es zwei Aspekte. Den einen nennen wir manolaya, das zur Ruhe Bringen des Geistes. Die mentalen Kräfte werden beruhigt und der Geist wird für eine gewisse Zeit still. Dies erreicht man durch die Entspannung des Körpers, das Verlangsamen des Atems, durch Chanten oder jegliche Yogapraxis, die in die Ruhe führt. Dies ist eine sehr gute Übung, aber die Tendenzen des samskara werden in diesem Zustand nicht verändert. Sie bleiben absolut gleich. Deshalb ist die Praxis hiermit noch nicht beendet. Von diesem Punkt aus muss sie in einem dynamischen und aktiven Prozess angewandt werden. Dies wird in den Schriften citta nasha genannt."

Was ist mit citta nasha gemeint?

Sukumar. "Citta nasha beendet die Muster, die in der Form zwanghafter Reaktionen aufkommen. Es ist die Waffe des Nicht-Reagierens. Eines Tages sprach ich mit meinem Lehrer über meinen Ärger. Er fragte mich: 'Findest du, dass es jedes Mal, wenn du dich ärgerst, einen Grund dazu gibt?' Ich antwortete: 'Ja, natürlich. Meine Gründe sind so wichtig und gerechtfertigt, das ich die ganze Welt davon überzeugen kann, dass es ganz normal ist verärgert zu sein.' Mein Lehrer meinte: 'Wenn das nächste Mal Ärger aufkommt, versuche ihn vom Grund abzutrennen.' Er erklärte mir, dass Ärger – oder jede andere Emotion – die auftaucht, sich unmittelbar mit einem äußeren Anlass verbindet. Ohne diesen Anlass kann sich die Emotion nicht von selbst über sehr lange Zeit erhalten. Du kannst dich selbst fragen, was zuerst da war: die Emotion oder die Situation, die der Grund für die Emotion zu sein schien. Aber diese 'Frage nach der Henne oder dem Ei ' ist momentan nicht von Bedeutung. Nur Eines ist äußerst sicher: in dem Moment, in dem sich die Emotion an eine äußere Situation anhängt, beginnt der Geist, auf dieser herum zu kauen und auf diese Weise wird die Emotion gestärkt. Deshalb musst du dich vom Grund abschneiden, den du als Ursache deiner Emotion betrachtest. Ich verwendete als Beispiel den Ärger, aber dies gilt für alle unsere Emotionen. In dem Augenblick, in dem du etwas siehst, kommt sofort von innen eine Reaktion auf. Es ist Angst, Eifersucht, Unsicherheit oder Hass. Was auch immer ihre Form ist und wie sie hochkommt spielt keine Rolle. In der Tat unterscheiden sich die Emotionen nicht voneinander. Alle sind in gleicher Weise Feinde des Selbst. Nicht-Reagieren ist der praktischste Aspekt der Spiritualität, denn es führt dazu, dass ich mich von den zwingenden Kräften in mir löse."

Welche Beziehung besteht zwischen manolaya und citta nasha?

Sukumar: "Wir können chitta nasha nicht direkt sofort ausüben. Unsere zwingenden inneren Kräfte und Muster kommen gewöhnlich mit großer Geschwindigkeit heraus. Bevor wir uns dessen bewusst sind, haben sie sich bereits in Sprache oder physischer Reaktion ausgedrückt. Deshalb muss ich einen Moment der Achtsamkeit zwischen diesem in meinem Geist aufkommenden Muster und dessen Ausdruck schaffen. Bevor ich nicht in der Lage bin, diese Lücke zu lassen, habe ich keine Chance das Muster zu verändern. Dies ist die Bedeutung von manolaya, einer gewissen Ruhe und Gelassenheit des Geistes. Ohne Ruhe kann keine Lücke entstehen. Deshalb sei noch einmal betont, dass es wichtig ist, diese Stille des Geistes nicht zu vergeuden, indem man sich wieder in den Spaß des Lebens stürzt. Die Ruhe des Geistes muss angewandt werden um die zwanghaften Kräfte, das samskara, zu verringern.

Hier bekommt chitta nasha seine Wichtigkeit. Trenne deine Emotion oder Tendenz zu reagieren von der Ursache und verweile einfach damit. Schaue sie an. Weiter ist nichts zu tun. Wenn du die Emotion nicht mehr durch deine Reaktion oder das Herumkauen auf dem Grund nährst, stirbt sie ihren eigenen Tod. Sie erlebt ihre eigene innere Niederlage."

Gehen wir zurück zu Deinen persönlichen Erfahrungen. Du hast dies versucht und es funktionierte?

Sukumar: "Nun, es war tatsächlich ein länger dauernder Prozess. Ich erinnere mich an das erste Mal, als mein Lehrer über die Macht des Nicht-Reagierens sprach und ich beschloss es zu versuchen. Gleich beim nächsten Ärger probierte ich es aus - und es klappte nicht. Nun ärgerte ich mich über meinen Lehrer, ging zu ihm und sagte: 'Warum erzählst du mir etwas, was nicht funktioniert?' Er befragte mich über die konkrete Situation und erklärte mir, dass ich zwei Fehler begangen hatte. Einmal hatte ich mit einer Situation angefangen, die sehr starken Ärger in mir erregte. Er meinte, dass es so nicht gehen würde. Ein Kind lernt nicht sofort, wie man rennt. Es beginnt mit kleinen Schritten, es stolpert und fällt hin, steht auf und versucht es wieder. Hinfallen und Aufstehen sind ein sehr normaler Vorgang, wenn wir etwas lernen. Mein Lehrer ermutigte mich: Sei nicht frustriert, wenn es nicht geht. Akzeptiere es und versuche es das nächste Mal wieder. Fange mit kleinen Situationen an. Beginne dort, wo es dir auch immer möglich ist. So anzufangen ist weise.' Der zweite Fehler, den ich gemacht habe, war, dass ich das Nicht-Reagieren nur einmal ausprobiert hatte. Er forderte mich auf es mindestens zwanzig Mal zu versuchen, bevor ich wiederkäme."

Und hast Du dies befolgt?

Sukumar: "Ja. Die ersten Male klappte es wieder nicht. Immer wenn etwas geschah, reagierte ich auf die selbe blödsinnige Weise. Und erst danach merkte ich: Oh, ich habe es wieder verpasst. Dies zu erkennen war der erste Schritt. Dann kam zum Glück ein Punkt, an dem ich die Achtsamkeit in dem Moment, in dem der Ärger beginnen wollte, aufrecht erhalten konnte. Ich fühlte plötzlich wie ich mich bereits mit dem Grund beschäftigte und dachte: dies ist meine Chance! Ich ließ den Anlass fallen und schaute meinen Ärger an. Was sah ich? Unwohlsein! Eine enorme Kraft. Ich beobachtete, wie sie größer wurde und schließlich eine Art Höhepunkt erreichte. Ich unternahm nichts, verlangsamte nicht einmal meinen Atem. Einige Sekunden lang verweilte ich einfach in dieser Betrachtung. Dann begann ich zu weinen. Durch die Tränen wurden die Kräfte meines Ärgers allmählich schwächer. Er veränderte seine Ausdrucksform und wurde zu Traurigkeit. Ich blieb mit der Traurigkeit und sie verwandelte sich in einen sehr friedlichen Zustand. All dies geschah innerhalb von zwei oder drei Minuten. Ich dachte: Ja, das ist es! Aber beim nächsten Versuch gelang es wieder nicht! Wieder war ich im Begriff frustriert zu werden und mein Lehrer musste mir erklären, dass die Kunst des Nicht-Reagierens nicht in einem Tag erlernt wird."

Was brachte Dir die Fähigkeit des Nicht-Reagierens im Lauf der Jahre?

Sukumar: "Ich denke, dass ich im Laufe der letzten zehn Jahre wesentlich friedlicher wurde. Kleine Dinge, die mich früher sehr aufregten, stören mich nicht mehr. In großen Situationen kann der Ärger immer noch aufkommen, jedoch nicht mit einer solchen Stärke, dass ich nicht damit umgehen könnte. Ich weiß nicht was in Zukunft geschehen wird. Vielleicht führen mich bisher unbekannte innere Kräfte noch durch unzählige Situationen. Es spielt für mich keine Rolle mehr. Das Leben ist leicht und erträglich; ich fühle mich mit mir selbst immer besser. Und die Schönheit dieser Technik ist, dass sie in jeder Situation angewandt werden kann. Mag sein, dass du denkst: Der Ärger ist nicht mein Problem; es ist etwas anderes, wie Furcht, Verwirrung oder was auch immer. Es ist gleichgültig. Welche Reaktion auch immer aufkommt, es ist immer dasselbe zu tun. Du wirst den Wert und die Richtigkeit darin entdecken, schlicht und einfach mit dem Gefühl zu verweilen."

Indem man mit der Emotion verweilt ohne zu reagieren?

Sukumar: "Ja! Versuche es! Ich weiß, dass es nicht immer einfach ist. Es kann sogar manchmal sehr schwierig sein. Wie alles, was du zum ersten Mal versucht hast, fast unmöglich erschien, nicht wahr? Versuche es einfach weiterhin und du wirst feststellen, dass es funktioniert. Nach einer Weile wird es leichter. Es dauert vielleicht Jahre, vielleicht sogar dreißig, vierzig Jahre. Aber gibt es irgend etwas Sinnvolleres, das du in den nächsten dreißig oder vierzig Jahren machen könntest? Widme dein Leben dieser Übung. Wenn deine ganze Energie auf dieses Ziel ausgerichtet wird, wird sie stärker und es geht schneller. Irgendwann musst es nicht mehr bewusst anwenden. Das neue Verhalten geht in die unbewussten Ebenen ein, es wird zu deiner zweiten Natur. Das ist Befreiung."

Aber ist man den anderen nicht hilflos ausgeliefert, wenn man nicht reagiert?

Sukumar: "Innerlich nicht emotional zu reagieren, bedeutet nicht, dass man gar nichts tut. Im Gegenteil, es entsteht innere Klarheit, um auf Situationen schnell und richtig zu erwidern. Das ist etwas ganz anderes als emotionale Reaktion, der man hilflos ausgeliefert ist, und in der man sich und anderen Schaden zufügt. Erwidern auf Situationen mit innerer Klarheit und Gelassenheit ist intelligentes Handeln."

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