Vorwort                     Inhaltsverzeichnis                    Einleitung                    1. Kapitel

Dieses Buch repräsentiert weder eine bestimmte Lehre noch einen Lehrer. Es ist das universelle Wissen von der Überwindung des Leidens.

Upasana - Das gute Gefühl

Die von Eberhard Bärr hier erstmals schriftlich festgehaltenen

Erkenntnisse des Yogalehrers Sukumar

ISBN-Nr. :   3-906410-55-2

Herausgegeben von:   Editions Heuwinkel, 22 rue de la Filature, 1227 Carouge /  Geneve, Schweiz

Tel.: +41(0) 22 3428676    E-Mail

 

Vorwort 

 

Ein Mensch, der Antworten für sein Leben in Spiritualität sucht, findet sich in einem Dschungel verschiedenster Erklärungen wieder. Beschreibungen über das Besondere und Außergewöhnliche erzeugen auf der Suche nach innerem Frieden und Klarheit oft nur mehr Verwirrung und Unruhe. Um uns bewusst zu machen, dass die Lösung unserer Probleme sich in einer absoluten Einfachheit versteckt, bedarf es einfacher und direkter Worte, die unserem Geist nicht erlauben, sich immer wieder in neue komplizierte Gedankenmuster zu verstricken. Lehrer die, die Fähigkeit besitzen, jede Frage und jeden Zweifel hin zu dieser Einfachheit zu bringen, die nicht in orthodoxen oder mystifizierenden Erklärungsversuchen den praktischen Bezug verlieren, sind selten.

 

Ich hatte das Glück vor 9 Jahren einem solchen Lehrer zu begegnen, wodurch mein Leben erheblich einfacher und friedlicher wurde. Ich traf ihn in einem bekannten Yogazentrum Südindiens, in dem er Lehrer in einem vierwöchigen Kurs war. Ich werde wohl nie seinen ersten Vortrag vergessen und vor allem nicht, was in mir dadurch bewegt wurde. Endlich vernahm ich Worte, die einfach waren, Sinn machten und vor allem auch praktisch anwendbar erschienen. Aus vier Wochen wurden zwei Jahre in diesem Zentrum, und auch nachdem wir gemeinsam diesen Platz verließen, wich ich ihm in den folgenden Jahren in meinem Wissensdurst nicht mehr von der Seite. Wir ließen uns an einem ruhigen Platz in den Bergen Südindiens nieder, um uns dort weitgehend unabhängig mit Spiritualität zu beschäftigen. Im Laufe der Zeit entwickelte es sich dann doch so, dass hier in Indien, und  später auch in Europa formelle Seminare gehalten wurden. Nach einiger Zeit kam mir dann der Gedanke, dass man dieses Wissen, das Sukumar in immer genialerer und einfühlsamerer Weise vortrug, festhalten sollte. Ich begann, Vorträge aufzuzeichnen, um daraus ein Buch zu gestalten. Als ich mit der Erstellung des Buches anfing, bemerkte ich, dass dies eine wunderbare Möglichkeit war, mich immer wieder aufs Neue intensiv mit diesem Wissen zu beschäftigen.

 

Dieses Buch hat weder irgendeine Botschaft noch einen Aufruf, es entstand einfach aus der Freude, es nieder zu schreiben. Das Buch ist aus der gleichen Motivation entstanden, die auch Sukumar zum Lehren veranlasst,  einfach aus dem Wunsch diesem Wissen nahe zu sein. Er bereitet niemals einen Vortag vor oder überlegt, was er sagen solle, er gibt sich seinem innersten Selbst einfach hin und lässt die Worte fließen. Genau dies bedeutet das Sanskritwort "Upasana", die Verehrung oder die Hingabe nach innen zum Selbst oder einfach zum guten Gefühl. Alle hier nieder geschriebenen Worte entspringen dieser Quelle. Die Geschichten und Analogien, die von ihm erzählt werden, entstammen der indischen Vedanta Lehre, woraus er auch in Vorträgen Texte zitiert. Aber das Wissen, das eine so direkte und tiefe Wirkung auf den Zuhörer hat, das ohne komplizierte Modelle und Fachbegriffe auskommt, entspringt einfach dem Zustand der inneren Hingabe und Ruhe. Ein Buch kann natürlich niemals einen Ersatz für die mündliche Weitergabe dieses Wissens darstellen, nicht zuletzt, da der Austausch zwischen Lehrer und Schüler nicht möglich ist. Denn Frage und Antwort ist es, was dieses Wissen lebendig macht. Um sich dem zumindest anzunähern, besteht jedes Kapitel aus einem einführenden Text, an den sich Fragen und Antworten  anschließen.

 

Sukumar möchte nicht, dass ich hier weiter auf seine Person eingehe, da er die Person, die  das Wissen  vermittelt, für nicht wichtig erachtet. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich einen Lehrer fand, dessen erste Absicht darin besteht, sich diesem Selbst hinzugeben, und für den das Lehren nur von zweiter Bedeutung ist.  

 

Eberhard Bärr

Samse, Südindien

08. Februar 2000

Inhaltsverzeichnis 

1.    Sich gut fühlen    

Was bedeutet Glück? .... Das gute Gefühl aufrecht erhalten .... Rechtfertigung des Leidens .... Lebensprobleme.... Leben, um sich gut zu fühlen .... Dein Gefühl und die Welt  ....  Glück aus der Distanz  ....  Glück ohne Abhängigkeit ....  Der Welt Gutes tun

2.    Leiden    

Klagen über mich oder die Welt ....  Das Problem liegt in dir .... Depression  .... Emotional oder praktisch sein – Leid loslassen – Positive und negative Emotionen – Selbstmitleid  Akzeptanz  Mitfühlen oder Mitleiden – Emotion und Gefühl – Entspannung – Stimmungsschwankungen .... Mangelndes Vertrauen

3.    Geschwindigkeit

Angst .... Stress .... Zur Ruhe finden .... Steigern der Geschwindigkeit .... Verengung des Verstandes .... Himmel und Hölle .... Krankheit .... Eile .... Verlangsamung .... Wachheit und Ruhe .... Bedeutung von Übungen .... Das Gefühl erkennen .... Meditation

4.    Wachheit und Langsamkeit

Der Geist schläft .... Glückseligkeit .... Erregtheit .... Erhöhung der Wachheit .... Zusammenspiel von Wachheit und Langsamkeit .... Zeit- und Raumaspekt des Geistes .... Halbschlaf .... Trance .... Trennung innerer und äußerer Welt .... Glücklich sein ohne Grund .... Erfahrungen in der Meditation

5.    Deine Welt

Verlangen und Ablehnung .... Verkauf des Gefühls .... Vertrauen in den Verstand .... Die Welt als Vorstellung .... Der Traumzustand .... Aufwachen .... Kräfte des Geistes ....Vorstellung von Besitz .... Dankbarkeit

6.    Identifikation

Name und Form .... Angst des Verstandes .... Raum .... Zustand ohne Identität .... Realisierung .... Kurzes Glück .... Verstand, Bewusstsein und Seele .... Angst und Liebe .... Spiel der Rolle .... Losgelöstheit .... Probleme der Identifikation

7.    Gedankenwelt

Wahrnehmung und Ausdruck .... Tätigkeits- und Wahrnehmungsorgane .... Eindrücke ....Freiheit des Nichtdenkens .... Unwillentliche Gedanken .... Den Geist beschäftigen .... Verschiedene Arten der Ruhe .... Klarheit .... Motivation

8.    Persönlichkeit

Die Schöpfung .... Tendenzen der Unruhe .... Wer bin ich? .... Tiefschlaf .... Existenz ohne Geist .... Intelligenz und Intellekt .... Individualisierte Bewusstheit .... Angenehmer Verlust .... Auflösung der Persönlichkeit .... Angst, sich zu verlieren .... Das begrenzte Feld

9.    Samadhi

Wärme und Kälte .... Verengung und Ausdehnung .... Das Schönste bisher .... Den Siedepunkt erreichen .... Einfachheit .... In Samadhi verweilen .... Überwindung der Angst .... Das Erkennen .... Verhaftung mit dem Gefühl .... Samadhi und Sattva

10.    Konflikte

Deine Einstellung .... Gewalt .... Tugend ....Ein verwirrter Geist .... Reinigung des Geistes .... Gutes und Schlechtes .... Befreiung .... Sensibilität .... Kritik und Analyse .... Komplexe ....  Gewalt in dir .... Verantwortung für die Welt .... Schöpfung und Zerstörung .... Ideale .... Vertrauen und Angstlosigkeit

11.    Genuss

Verhaftung mit Genüssen .... Der Sättigungspunkt .... Frustration .... Mäßigung ....Flexibilität und Durchhaltevermögen .... Konsum .... Umgang mit Energien .... Die andere Art der Freude .... Widerstandsfähigkeit .... Neutralität der Objekte .... Sexualität .... Verlangen und Erfüllung

12.    Emotion und Reaktion

Unsere Zwänge .... Drei Arten der Reaktion .... Erwiderung und Reaktion .... Geschehen lassen .... Perfektion .... Sentimentalität .... Die praktische Sichtweise .... Gleichgültigkeit und Gleichmut .... Ein neutraler Zustand

13.    Die Last des Lebens

Ernsthaftigkeit .... Freiheit .... Verantwortung .... Intelligenz .... Unser Wertesystem ....Unsicherheit .... Das Wissen .... Der Prozess des Lernens .... Die Übung .... Bedeutungslose Leere .... Entscheidungen .... Hingabe ohne Beschwerden .... Aufgabe des Intellekts

14.    Selbstachtung

Ein guter Freund .... Erwartungen .... Die schlechten Seiten .... Das Gute erkennen .... Beziehungen .... Dir selbst vergeben .... Schuld ....  Konditionierungen .... Persönliche Verletzungen

15.    Natürlichkeit

Die duale Persönlichkeit .... Hemmungen und Vorurteile .... Das Schein-Ich .... Angst des Ego .... Sünde .... Minderwertigkeitsgefühle .... Verwunderung .... Spontane Freude ....Gesellschaftliche Akzeptanz .... Heiligkeit .... Gnade .... Vollkommene Aufgabe .... Unterschiedliche Wege ....  Der Guru .... Lehrer und Schüler

16.    Unsere Mitmenschen

Freundlichkeit gegenüber positiven Menschen .... Mitgefühl und Mitleid .... Eifersucht .... Den Erfolg anderer feiern .... Umgang mit böswilligen Menschen .... Hass und Angst .... Neutralität .... Achtsamkeit und Disziplin .... Das Ausmaß der Freiheit .... Nicht reagieren

17.    Liebe

Emotionale Liebe .... Geben und Nehmen .... Mutterliebe .... Beschränktheiten der Beziehungen .... Liebe ohne Grund .... Traurigkeit und Sehnsucht .... Demut und Hingabe .... Partnerschaft .... Nächstenliebe

18.    Karma

Hilflosigkeit .... Sich leicht fühlen .... Tendenzen .... Reaktionen .... Bindende Handlungen .... Richtiges und falsches Handeln .... Sensible und unsensible Menschen .... Physische und mentale Handlungen .... Absicht der Handlung .... Handlung als Opfer .... Geschehen lassen .... Freier Wille

19.    Der Körper    

Kindheitserinnerung .... Körperbewusstheit .... Die erste Aufmerksamkeit ....  Attraktivität der Welt .... Stolz auf den Körper .... Gesetze der Materie .... Kosmetische Vorstellungen .... Körper und Genuss .... Kampf mit dem Alter .... Sterben .... Sicherheit .... In Fülle leben .... Körperlicher Schmerz .... Der Tod von Heiligen

20.    Ego

Positives Ego .... Befreites Ego .... Verengtes Ego .... Am Leben teilnehmen oder sich einmischen .... Existenz des Schattens .... Die Vorstellung intelligent zu sein .... Sich beweisen müssen .... Aufgeblähtes Ego .... Inneres Vakuum .... Intellektuelle Spiritualität ....Kämpfendes Ego .... Spirituelles Ego .... Spiel des Ego .... Loslassen

21.    Unwissenheit

Bewusstseinszustände .... Realität .... Vorstellungskraft .... Feld der Illusion .... Veränderung der Wahrnehmung .... Gedankenmuster .... Verstand und Körper .... Das Selbst .... Ein undefinierbares Gefühl ....  Maya .... Spiel des Lebens .... Bildung und Erziehung .... Identifikation mit dem Wissen .... Das Wissen, das niemandem gehört

22.    Der Fluss des Lebens

Einleitung

 

Es war einmal ein Vogel, er hieß "Videha", der sich unendlich im Himmel vergnügte und ohne jeglichen Grund glücklich und zufrieden war. Er hatte zwei Flügel namens "Jnana" und "Vairaghya", das bedeutet Weisheit und Losgelöstheit. Zuweilen war er ganz im Geschehen, welches er durch seine eigene Vorstellungskraft erschuf, und doch blieb er unberührt von all dem. Ganz natürlich glitt er durch den Luftraum, wie ein Adler, hoch am Himmel, ohne die Notwendigkeit, auch nur mit den Flügeln zu schlagen. Im Flug legte er drei Eier. Durch die Reibung, die durch die Fallgeschwindigkeit entstand, brachen die Eierschalen auf, und alle drei Küken schlüpften aus.

Dem ersten Vogel war es nicht gar nicht bewusst, dass er fiel. In seiner Unwissenheit machte er eine Bruchlandung und befand sich in einem völlig erbärmliche Zustand. Mit gebrochenen Flügeln kam er nach einiger Zeit wieder zu Bewusstsein, nur um seine schrecklichen Schmerzen und sein Leid wahrzunehmen. Er wusste nicht, was er tun sollte, um dieses Leid zu überwinden. Als sein Zustand sich etwas verbesserte, empfand er Hunger und begann, nach lebende Kreaturen auf dem Boden zu suchen, die seinen Hunger stillen könnten. Und so hat er einen Sinn des Lebens gefunden. In der Gemeinschaft der anderen Vögeln, die ihm ähnlich waren und sich gleich verhielten, vergaß er völlig seine ursprüngliche Herkunft und seine Möglichkeit zurückzufliegen.

Der zweite Vogel nahm die ganze Situation bewusst wahr, war aber trotzdem völlig hilflos. Starr vor Angst machte er ebenfalls eine Bruchlandung. Als auch er sein Bewusstsein wiedererlangte, um seine Schmerzen und sein Leiden wahrzunehmen, fing er an, darüber nachzudenken, wie er dieses Unglück überwinden könnte. Vage erinnerte er sich an die Mutter, sah nach oben in Erwartung ihrer Hilfe und verspürte einen inneren Drang zurückzufliegen. Mit großem Einsatz und vielen Schmerzen erkundete er die Möglichkeit des Fliegens und erkannte diese in seinen beiden Flügeln. Er lernte höher und höher in die Lüfte zu steigen und kehrte vielleicht zu seiner friedvollen Herkunft zurück.

Der dritte Vogel war weise. Noch während des Fallens wurde er sich der Situation völlig bewusst und durch seine Intelligenz entdeckte er die Möglichkeit des Fliegens. Er lernte seine Flügel auszubreiten und zu benutzen, um noch vor dem Fall, zurück zu seiner Herkunft zu fliegen.

Viele Menschen sind unglücklicherweise wie der erste Vogel, völlig verfangen in der materiellen Welt, ständig bemüht, Erfüllung in Genüssen zu finden. Sie benutzen all ihre Intelligenz, nur um sich ihre Verlangen zu erfüllen. Menschen, die zu dieser Kategorie gehören, sind schlau, egoistisch, effizient und benutzen die Welt zu ihrem Vorteil. Andererseits geben sie der Welt die Schuld an ihrem Leiden und Unglück. Spiritualität spielt nur eine geringe Rolle im Leben solcher Menschen. Im besten Fall werden sie blind einige Götter und Göttinnen verehren, von denen sie sich etwas moralischen Trost erhoffen.

Sehr selten werden Menschen der dritten Kategorie geboren. Sie verfügen über große Gelassenheit und sind leidenschaftslos. Ohne durch großes Leiden gehen zu müssen, sind sie schon durch einen kleinen Hinweis fähig, die Wahrheit zu erkennen. Aus diesem Zustand der Beständigkeit werden sie den Rest ihres Lebens ohne Probleme verbringen.

Die Menschen der zweiten Kategorie sind intelligent, emotional und sensibel den Geschehnissen der Welt gegenüber. Innerlich reagieren sie stark auf das sogenannte Böse und Schlechte dieser Welt. Mit dieser Einstellung schaffen sie in ihrem Inneren Gewalt, die keinen Ausdruck findet. Auf Grund moralischer Werte, an die sie sich gebunden fühlen, entsteht daher Selbstunterdrückung, Stress und Leid. Solche Menschen sind sensibel genug, ihr eigenes Leid zu erkennen. Sie ahnen einerseits, dass sie in der Welt nicht die Erfüllung finden können, aber andererseits wissen sie nicht, was zu tun ist. Für diese Menschen ist dieses Buch geschrieben.

Kapitel 1.    Sich gut fühlen 

Was bedeutet für uns Glück? Unsere Vorstellung von Glück ist ganz unterschiedlich. Oft ist es die Vorstellung, welche Fähigkeiten wir haben, wie viele materielle Dinge wir besitzen, oder welchen sozialen Status wir haben.

Beobachte einmal ganz nüchtern einen Tag und stelle dir selbst die Frage, wie er war. Worauf basiert deine Beurteilung des Tages. Manchmal erledigst du alle Dinge mit großer Leichtigkeit, obwohl du auf Probleme gestoßen bist. Wenn du dich in einer guten Verfassung befindest, fällt es dir leicht, mit allem umzugehen, einfach, weil du ein gutes Gefühl in dir hast. Du denkst positiv, du bist gelassen, und deshalb ist es für dich einfach, mit den Dingen umzugehen. Du kommst nach Hause und sagst: "Heute war ein guter Tag." Es gibt auch Tage, an denen nicht viel passiert: Du bist vielleicht viel im Haus, hörst Musik, liest ein schönes Buch oder schläfst,  du hast Zeit für dich. Es gab keine Probleme, aber am Ende des Tages hast du doch das Gefühl, dass es kein besonders guter Tag war. Es hätte für dich besser sein können. Du hast dich einfach nicht gut gefühlt. Der Geist war vielleicht zu unruhig und du hattest viele Gedanken, du hast dir Sorgen gemacht und das hat dich erschöpft und viel Energie gekostet. Daher kam das Gefühl, dass es kein besonders guter Tag war.

So wie du dich dem Leben gegenüber fühlst und wie erfüllt du lebst, das allein ist wichtig. Um dieses gute Gefühl aufrecht zu erhalten, tust du endlos viele Dinge. Betrachte all die Dinge die du bereits besitzt, und sieh andererseits was du alles noch kaufen möchtest. Die Industrie produziert immer mehr, um neue Wünsche in dir zu erwecken. Sie erlaubt dir nicht, die Zufriedenheit zu finden. Sie sagen dir immer wieder: „Hier gibt es wieder etwas Neues! Du kannst es dir noch schöner machen!" Trotz der Tatsache, dass dich vieles umgibt, was dir das Leben angenehm gestalten kann, fühlst du dich nicht wirklich gut. Diese äußeren Annehmlichkeiten machen dich immer verletzlicher. Schon sehr kleine Dinge, wie die falsche Temperatur oder die harte Matratze können dir Unannehmlichkeiten bereiten, und du fühlst dich nicht mehr wohl. Alles muss perfekt sein. Nur eine Kleinigkeit stimmt nicht, und schon bist du schlechter Laune. Du wirst immer schwächer, immer verletzlicher, deine Fähigkeit, mit den Veränderungen des Lebens zurecht zu kommen, stirbt langsam ab.

Du bist allerdings schlau genug, den dadurch entstehenden Leidensdruck zu rechtfertigen. Einen Grund außerhalb von dir zu finden, das ist bequemer. Du leidest, weil dein Partner dich stört, dein Nachbar zu laut ist oder dein Boss dich nervt. Die Welt ist nicht okay für dich. Irgendwo in der Welt passiert immer etwas, was dir nicht gefällt.

Nehmen wir einmal an, du machst eine Liste über alles, was dich stört. Schreibe einen Monat alle Fehler auf, die für dich in dieser Welt bestehen. Stelle dir nun vor, eine Weile ist die Welt so, wie du sie dir als perfekt vorstellst. Für eine Weile würdest du "Ja" sagen. Aber am zweiten Tag würdest du auch in der perfekten Welt etwas finden, von dem du sagen würdest: "Das könnte besser sein. Hier und da könnte man noch etwas verändern", und deine Klagen würden wieder beginnen. Der Geist wird dann wieder unruhig. Du gehst durch einen Leidensdruck auch ohne äußeren Anlass, weil der Leidensdruck in dir ist. Sehr schnell findest du einen anderen Grund, dein Leid zu rechtfertigen. Es hört nicht auf. Selbst wenn du die Möglichkeit hättest, jede Situation nach deinem Wunsch zu verändern, so würde dich dies dennoch nicht von deinem Leid befreien.

Ein Leben ohne Probleme zu erwarten, ist nicht die Lösung für die Herausforderungen des Lebens. Die Lösung ist, mit diesen Problemen richtig umgehen zu lernen. Wenn du das lernst, wird ein Problem schwächer. An den Tagen, an denen du mit guter Laune aufwachst, sind Probleme schwach und klein. Sie sind nicht gelöst, die Situation hat sich nicht geändert. Dies bedeutet, dass deine persönliche Verfassung die Intensität des Problems bestimmt. Wenn du das verstehst, eröffnen sich dir praktische Möglichkeiten, mit den Problemen umgehen zu können. Bist du guter Laune und fühlst dich wohl, dann hast du die Stärke, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. Dieses Gesetz ist anwendbar auf den gesamten psychischen Bereich des Leidens.

Es gibt natürlich auch rein praktische Probleme, bei denen jeder weiß, was zu tun ist. Wenn du Schmerz verspürst, wenn du Hunger hast oder durstig bist, wenn dein Haus brennt, dann ist das ein praktisches Problem. Hier liegt die Lösung meist in einer bestimmten Handlung. Aber dieser Problembereich bereitet dir im allgemeinen keine Sorgen. Der größte Teil des Leidens gehört in den Bereich der Emotionen. Die emotionalen und sentimentalen Probleme kannst du nicht überwinden, indem du handelst. Wenn das gute Gefühl im Leben verloren geht, multipliziert sich das Leid.

Wenn du zur Quelle aller Erfahrungen gehst, erkennst du die einfache Tatsache: Du fühlst dich gut oder du fühlst dich nicht gut in einer bestimmten Situation. Angefangen vom unbewussten Atmen, bis hin zur intelligentesten und bewusstesten Handlung wie Meditation, geschieht alles nur in der Absicht, vom schlechten Gefühl loszukommen oder ein gutes Gefühl zu intensivieren. Du tust alles nur, um dich gut zu fühlen. Das klingt sehr einfach und ist es auch. Betrachte alle deine Handlungen, und du wirst feststellen, dass du alles in dieser Absicht tust.

Niemand kann dieses einfache gute Gefühl vollkommen erklären. Alles im Leben bekommt seine Bedeutung auf Grund dieses Gefühls. Alles, was du in dieser Welt liebst, angefangen vom Partner, über dein Auto bis zu dem Baum im Garten, trägt zu diesem guten inneren Gefühl bei. Also liebst du eigentlich dieses Gefühl in dir. Du tust alles, um dieses gute Gefühl zu behalten. Es ist der bestimmende Faktor deines Lebens. Das kannst du nicht beweisen oder demonstrieren. Es beweist sich aus sich selbst. Es ist rein subjektiv. Du erfährst das Gefühl. Du brauchst nichts von außen, um es wahrzunehmen.

So wie das Gefühl ist, so siehst du die Welt. Mit dem guten Gefühl ist die Welt schön, wenn das gute Gefühl verloren ist, erscheint die Welt schrecklich. Es ist an sich nicht greifbar, aber es bestimmt die Qualität deiner Emotionen, deines Verstandes und deines ganzen Lebens. Es ist der bestimmende Faktor für ein glückliches Leben, und der liegt ganz in dir selbst. Du brauchst nichts, um das zu betrachten. Auch jetzt ist das Gefühl in einem gewissen Ausmaß da. Wie fühlst du dich jetzt? Verbinde dich mit dem Gefühl!

Was genau ist dieses Gefühl?

Du kennst ein Gefühl der Zufriedenheit, und das willst du immer wieder. Du hast es allerdings niemals direkt betrachtet. Anstatt es direkt zu betrachten, mit dem Wissen, dass es in dir ist, hast du dieses Gefühl fälschlicherweise mit einer Tasse Kaffee, mit einem Partner, mit Alkohol, mit Fußball, mit allen möglichen Genüssen verbunden, von denen du denkst, sie würden dich glücklich machen. Du hast dir angewöhnt, das Glück als etwas anzusehen, was von außen kommt. Die Vorstellung,  glücklich zu sein, ist verbunden mit der Diskriminierung der Gegenwart auf Kosten phantastischer Zukunftsvisionen. Dadurch betrachten wir das Glück immer aus der Distanz, schieben es vor uns her, so dass es niemals richtig zu uns kommen kann.

Spiritualität zeigt dir einen Weg, dieses Glücksgefühl zu bekommen ohne äußere Abhängigkeit, ohne Alkohol, ohne Kaffee, ohne Drogen, ohne Sex – ohne das alles. Du kannst es direkt bekommen und dann auch erkennen. Wenn du es einmal in seiner Fülle direkt erkannt hast, dann bist du ein veränderter Mensch.

Wie kann ich mich mit diesem Gefühl verbinden?

Du kommst nur dahin über Entspannung, Loslassen oder Hingabe. Für intellektuelle Menschen ist es Loslassen, für die emotionalen Menschen ist es Hingabe, für sehr hektische Menschen ist es Entspannung. Es ist das Gleiche. Es ist einfach da, wenn wir entspannen. Was immer du in der Welt wahrnimmst, das ist in dir. Du musst nur lernen, nach innen zu gehen. Du bist schon immer das gewesen, was du suchst. Das erscheint uns unglaublich, und wir können uns nicht vorstellen, dass es so leicht und so direkt sein kann. Denn wo wäre dann der Sinn von all unseren intellektuellen Spielen. Es ist eine absolute Bedrohung für unseren Intellekt. Wir nähren und stärken unseren Intellekt mit komplizierten Fragen und Gedanken. Wir haben die Fähigkeit verloren, die Wahrheit in ihrer Einfachheit zu akzeptieren.

Ist das nicht Egoismus, wenn man nur auf sein eigenes gutes Gefühl schaut?

Es gibt keine Handlung, die du außerhalb dieses Ego-Rahmens tun kannst. Selbst wenn du anderen Menschen hilfst, frage dich, warum du hilfst und was passiert, wenn du anderen nicht hilfst. Dann bekommst du nämlich Schuldgefühle. Wenn du dich schuldig fühlst, fühlst du dich nicht gut. Weil du dich gut fühlen willst, hilfst du anderen. Immer wieder und auch in solchen Handlungen suchst du das gute Gefühl.

Wenn es durch Ungerechtigkeit Menschen in der Welt schlecht geht, dann helfe ich ihnen doch nicht meinetwegen?

Wenn du dich über die Ungerechtigkeit ärgerst, fühlst du dich nicht gut. Du möchtest von dem unguten Gefühl loskommen, deswegen hilfst du. Es heißt ja nicht, dass du der Welt nicht helfen sollst. Es soll nur klar sein, dass du es für dich selbst tust. Das ist der Einfluss des großen Ego, wenn du denkst, du hilfst der Welt. Sei bescheiden und sage, dass du es für dich tust. Die Welt ist für dich eine Möglichkeit, Gutes für dich selbst zu tun. Das ist Demut und Bescheidenheit. Es ist nicht einfach, bescheiden zu sein. Das Ego hört es so gern, dass du Gutes für die Welt tust. Wenn du so denkst, schmeichelt das dem Ego. Du tust alles für dich selbst. Mit diesem Wissen gehe und tue der Welt Gutes! Sei demütig. Dann hast du keine Probleme. Dann findest du keine Fehler in der Welt. Du wirst Gutes tun, wo es angebracht ist. Erwarte nicht von der Welt, dass sie so aussieht, wie du das für richtig hältst. Die Notwendigkeit einzusehen, dass Hilfe gebraucht wird, und dann zu handeln, ist Mitgefühl. Wo Hilfe angebracht ist, tue es aus Mitgefühl und mit dem Wissen, es für dich zu tun. Dein Selbst ist verbunden mit jedem anderen Selbst. Deswegen sind wir so sensibel für das Leid anderer. Es ist auch unser Leid. Wenn du eine Möglichkeit hast, etwas zu tun, tu es – für dich. Hilf dir selbst erst einmal und sei friedlich in dir selbst. Wenn du dann der Welt helfen willst, tu es! Das ist eine harmlose Selbstsucht.

Wenn ich in der Natur bin, geht es mir immer gut. Kann ich das gute Gefühl auch erreichen, ohne in der Natur zu sein?

Du hast die Möglichkeit, es noch viel besser zu erleben, als wenn du in der Natur bist. Wenn du es einmal erfahren und erkannt hast, kann das Gefühl mit dir und du mit dem Gefühl unbeschränkt weiter wachsen. Es gibt da kein Ende. Alle Genüsse sind beschränkt, denn ab einem bestimmten Punkt kannst du sie nicht mehr steigern. Du kannst z. B. nicht immer mehr Eiscreme essen, um dich besser und besser zu fühlen. Überall gibt es den Punkt, wo dem Genuss ein Ende gesetzt ist. Auch beim Laufen in der Natur ist das so, irgendwann hältst du an und es ist genug für dich. Wenn du aber zu diesem direkten Gefühl kommst, gibt es keine Grenzen. Du wirst nie genug davon bekommen. Wenn du in diesem Zustand lebst, unabhängig von der äußeren Welt kann alles nur zu deinem Besten geschehen. Was du tust, wenn du glücklich bist, das ist das Beste, was du überhaupt tun kannst. Aus diesem Gefühl heraus kannst du auch der Welt und den anderen Menschen helfen. Dann ist es für die Menschen genug, wenn du einfach da bist. Genauso wie ein Depressiver in anderen Depressionen auslösen kann, fühlen sich Menschen um dich herum gut, weil du dich gut fühlst. Auch die großen christlichen Lehrer kannten diesen Zustand des Friedens. Jesus und Franz von Assisi reden darüber. Wenn du in dem Zustand bist, bist du zufrieden und ausgeglichen. Es spielt dann keine Rolle, ob du allein oder mit jemand anderen zusammen bist.

Ist das Manipulation, wenn ich das Glück durch Naturerlebnisse, Liebe, Kunst usw. erfahren will?

Ja, das ist Manipulation; es ist eine innere Manipulation. In Wirklichkeit bist du unabhängig von Menschen, Situationen usw. Relativ gesehen ist das Naturerleben positiv und besser als der Genuss von Alkohol oder anderer Stimulationen. Es gibt aber doch vier Monate Winter, in denen du vielleicht nicht in die Natur gehen kannst. Du vermisst dann den Sonnenschein. Da fängt das Problem an, wenn du etwas vermisst. Wenn du die Möglichkeit hast, direkt in dieses Gefühl zu gehen, dann bist du wirklich unabhängig. Wenn du Probleme hast in deiner Beziehung, und du setzt dich in den Wald, dann erscheint dir der ganze Wald traurig. Es hängt von der Einstellung deines Geistes ab, ob du Freude im Wald empfindest oder nicht. Wir versuchen ständig, Glück zu bekommen durch das, was wir tun. Manchmal gelingt es, manchmal nicht. So ist das Leben. Was mir Glück bringt, das liebe ich – was mir kein Glück bringt, das hasse ich. Wir leben zwischen Ablehnung und Verlangen. In der Spiritualität lernst du, glücklich zu sein ohne Grund. Das Glück ist in dir – du lernst, in dieser Freude zu leben. Du lernst, alles mit einem freudigen Gefühl zu tun. Es ist ein großer Unterschied, ob du alles tust, um ein gutes Gefühl zu bekommen, oder  ob du alles aus diesem guten Gefühl heraus tust.

Dann ist da auch keine Angst oder Sorge mehr. Selbst wenn du versagst, spielt das keine Rolle. Als wir Kinder waren, haben wir Spiele gespielt, und wir hatten keine Vorstellung vom Gewinnen und Verlieren. Wenn wir verloren hatten, haben wir alle zusammen gelacht, weil wir mit Freude gespielt haben. Das Spiel kam aus der Freude. Die Vorstellung vom Gewinnen und Verlieren wurde uns später anerzogen. Dadurch war Freude nur noch mit dem Gewinnen verbunden. Deshalb kam Angst und Sorge ins Spiel. So ist es auch im Leben, das Spielerische in uns ging verloren, und wir wurden ernsthaft. Du kannst nicht mehr unentwegt ernsthaft sein, wenn du ein spiritueller Mensch bist. Das ganze Leben wird spielerisch, wenn du lernst, innerlich glücklich, freudevoll und zufrieden zu sein. Die Ernsthaftigkeit des Lebens entsteht dadurch, dass wir unser Glück von der Welt abhängig machen.

Wir reden immer nur über das gute Gefühl. Was mache ich mit den schlechten Gefühlen?

Es gibt eigentlich keine guten und schlechten Gefühle. Es sind nicht viele Gefühle. Es ist nur ein gutes Gefühl. Wenn sich das vermindert, empfindest du das als schlechtes Gefühl. Dann reduziert es sich in seiner Intensität. Wenn das gute Gefühl nicht da wäre, könntest du das schlechte Gefühl nicht erkennen. In Wirklichkeit vermehrt oder vermindert sich das Gefühl nicht. Die Sonne scheint nicht weniger intensiv, wenn sie hinter Wolken verborgen ist. Wenn du über den Wolken bist, weißt du, dass die Sonne immer scheint.

Ist das Sich-gut-fühlen göttlich?

Was du göttlich nennst, das bist du. Du bist nicht ein Teil des Göttlichen, sondern in deiner Quelle bist du selbst göttlich. Du realisierst dies, je mehr du dich mit diesem Gefühl verbindest. Du hast nun eine Vorstellung  von Gott und hast großen Respekt vor ihm. Diese Vorstellung  ist eine moralische Unterstützung für unsere Existenz. Was existiert ist eine Gottheit in der alles existiert. Sie hat keinen Anfang, kein Ende, keine Ursache, keinen Grund. Die Gottheit existiert aus sich selbst heraus, ohne die Idee der Getrenntheit. Ich und du, wir alle und alles existieren in dieser Gottheit. Das ist unsere wahre Natur, und das können wir realisieren. Wenn du dich mit dieser Quelle verbindest, weißt du, dass wir alle in dieser Gottheit sind. Du verschmilzt dann mit dem großen ICH, in dem alle Ichs existieren.

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